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Ein neuer Dienst zur Inklusion am Arbeitsmarkt

Im Oktober stellt sich die 2016 neu gegründete Arbeitsambulanz der Pfeifferschen Stiftungen in der Maxim-Gorkistraße 12 in Magdeburg Vertretern der Politik vor.
Einen neuen Dienst zur Inklusion am Arbeitsmarkt bietet seit einigen Monaten die Behindertenhilfe der Pfeifferschen Stiftungen in an: die Arbeitsambulanz. Sie soll Menschen, die wegen Behinderung oder psychischer Beeinträchtigungen nicht erwerbsfähig sind, neue Werkstattplätze, Praktika, Zuverdienstplätze, Minijobs oder auch sozialversicherungspflichtige Stellen eröffnen.
Arbeit zu haben, bedeutet wirtschaftlich unabhängig zu sein und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderung liegt allerdings weit über dem Bundesdurchschnitt. Das bedeutet, dass Menschen mit Behinderung in der Regel vom ersten Arbeitsmarkt ausgeschlossen bleiben.

In den mehr als 25 Jahren hat die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) der Pfeifferschen Stiftungen 495 Plätze für den Arbeits-, Berufsbildungs- und Förderbereich geschaffen. Davon entfallen 140 Plätze auf die Pfeiffersche Reha-Werkstatt für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen.
Und an wen richtet sich nun das Angebot von Pfeiffers Arbeitsambulanz konkret? „An Menschen mit Behinderung, die bereits in einer WfbM beschäftigt sind; an jene, die Zugang zu einer WfbM suchen oder im Eingangsverfahren sind; an Schüler in Abgangsjahrgängen der Sonderschulen; an Menschen mit Mehrfachbehinderung, mit psychischen Beeinträchtigungen, mit und ohne anerkannte Schwerbehinderung, mit dauerhafter voller oder teilweiser Erwerbsminderung ohne anerkannte Behinderung oder an chronisch Kranke und Unfallopfer“, sagt Marc Fesca, Pädagogischer Leiter der WfbM.
„Wir unterstützen sie bei der Suche nach einer angemessenen Arbeit. Gemeinsam suchen wir mit ihnen nach anderen Lösungen zur Erreichung beruflicher Ziele.“ Die Arbeitsambulanz begleitet Betroffene am Beschäftigungsort, um sie fit für den neuen Job zu machen. Dafür sind drei Mitarbeiter zuständig: Eine Sozialarbeiterin und ein Arbeitspädagoge, die als Jobcoaches fungieren, sowie ein Berater mit Ex-In-Qualifizierung. Das bedeutet: „Die Bezeichnung Ex-In heißt im Englischen ausgeschrieben Experienced Involvement, das bedeutet erfahrene, erprobte Beteiligung – und steht für eine Person, die in der Rolle eines Patienten selbst in psychiatrischer Behandlung war, nun jedoch ihrerseits anderen Psychiatrie-Patienten zu helfen versucht“, erklärt Marc Fesca.
Die Arbeitsambulanz möchte auch dafür sorgen, dass sich mehr Betriebe des ersten Arbeitsmarktes für Mitarbeitende mit Behinderung öffnen.
Viele Wege führen zum Ziel: Berufliche Integration wird zum Beispiel in der 2015 eröffneten Cafeteria am Krankenhaus der Pfeifferschen Stiftungen praktiziert. Teil ihres Inklusionskonzeptes ist es, für Schwerbehinderte sozialversicherungspflichtige Dauerarbeitsplätze zu schaffen, in der Cafeteria sind es vier. Dazu haben die Stiftungen eigens eine gemeinnützige Integrationsgesellschaft gegründet, derzeit die einzige in Magdeburg.
„Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitskollegen tun sich häufig immer noch schwer, sich Menschen mit Behinderung als Mitarbeiter und Kollegen vorzustellen“, sagt Marc Fesca, der auch Geschäftsführer der Cafeteria ist. Potentiellen Arbeitgebern mangele es außerdem in der Regel an qualifizierten Informationen hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten, Kompetenzen und Qualifikationen von Arbeitnehmern mit Behinderung. Auch die vielfältigen Fördermöglichkeiten zur beruflichen Eingliederung - von Personalkosten bis hin zur technischen Arbeitsplatzausstattung - sind ebenfalls zu wenig bekannt. Da wollen die Pfeiffersche Stiftungen mit ihren Erfahrungen und ihrem Knowhow ansetzen. Die Arbeitsambulanz wird von der Aktion Mensch finanziert. 

 

 

Was steht im Gesetz

Die Assistenzleistungen für behinderte Menschen werden modernisiert. Das Gesetz, das der Bundestag am 1. Dezember verabschiedet hat, gehört zu den größeren sozialpolitischen Reformen und sorgt in den kommenden Jahren für zahlreiche Änderungen.
Berlin (epd). An der Erarbeitung des Bundesteilhabegesetzes waren die Behindertenverbände beteiligt. Ihr Protest führte zuletzt noch zu Verbesserungen. Der Bundesrat muss dem Gesetz noch zustimmen.
Bei der Eingliederungshilfe handelt es sich um Geld- und Sachleistungen, die es behinderten Menschen ermöglichen sollen, am Leben teilzuhaben, im Alltag, an Bildung, Sport, Kultur oder Reisen. So werden etwa Assistenten bezahlt, die einem Rollstuhlfahrer das Leben in einer eigenen Wohnung ermöglichen, spezielle Fahrdienste oder Ausgaben für einen Blindenhund. Zur Eingliederungshilfe gehören auch die Zuweisungen, die Werkstätten oder Betreiber von Wohnstätten für Behinderte erhalten. Rund 700.000 Menschen beziehen die Eingliederungshilfe. Durch die Reform soll ihre Selbstbestimmung gestärkt und die UN-Behindertenrechtskonvention in deutsches Recht umgesetzt werden.

Das Gesetz sieht folgende Änderungen vor:

- Vermögensfreibeträge: Bisher dürfen Bezieher von Eingliederungshilfe nur 2.600 Euro sparen. Der Vermögensfreibetrag wird im kommenden Jahr um 25.000 Euro auf 27.600 Euro erhöht, im Jahr 2020 weiter auf 50.000 Euro. Einkommen und Ersparnisse von Lebens- und Ehepartnern werden künftig bei der Berechung der Eingliederungshilfe nicht mehr herangezogen. Der Freibetrag für Ersparnisse behinderter Sozialhilfeempfänger steigt von 2.600 auf 5.000 Euro.

- Einkommensanrechnung: Der Eigenanteil zur Eingliederungshilfe wird gesenkt. Damit können rund 70.000 behinderte Berufstätige mehr von ihrem Einkommen behalten. Ein Beispiel: Von einem Bruttoeinkommen von 3.500 Euro werden heute bis zu 900 Euro abgezogen. In einer Übergangsphase wird der Abzug auf 600 Euro gesenkt und ab 2020 auf 240 Euro.

- Pflege und Eingliederungshilfe: Pflegebedürftige behinderte Menschen erhalten weiterhin gleichrangig Leistungen aus der Pflegeversicherung und der Eingliederungshilfe. Zunächst war im Gesetz ein Vorrang von Pflegeleistungen vorgesehen, der bei den Betroffenen zu Einbußen geführt hätte.

- "Poolen" von Leistungen: Um Ausgaben zu sparen, können die Kommunen einen Assistenten für mehrere behinderte Menschen einsetzen. Die Koalition nahm aber die Regelung zurück, wonach das auch in der eigenen Wohnung gelten sollte. Das hätte dazu führen können, dass Behinderte ins Heim hätten ziehen müssen. Ambulantes Wohnen hat Vorrang, wenn der behinderte Mensch es will, er hat aber keinen Rechtsanspruch darauf.

- "Fünf von Neun": Die umstrittenen Kriterien, wonach Eingliederungshilfe nur noch gewährt worden wäre, wenn ein Behinderter in fünf von neun Lebensbereichen eingeschränkt ist, wurde nach massiven Protesten zurückgenommen. Die Betroffenen hatten argumentiert, blinde Menschen etwa würden so von Leistungen ausgeschlossen. Es soll nun erprobt werden, wie künftig der Zugang bestimmt wird und erst 2023 eine neue Regelung in Kraft treten.

- Arbeit: Arbeitgeber erhalten Lohnkostenzuschüsse bis zu 75 Prozent, wenn sie einen behinderten Menschen einstellen. Einige Bundesländer haben ein solches "Budget für Arbeit" schon. Das Arbeitsförderungsgeld für behinderte Menschen in Werkstätten wird auf 52 Euro monatlich verdoppelt.

- Bildung: Bisher werden Hilfeleistungen für behinderte Studenten nur bis zum ersten Examen finanziert, künftig bis zum Masterabschluss und in Einzelfällen bis zur Dissertation.

- Beratung: Unabhängige Beratungsstellen werden vom Bund bis 2022 mit bis zu 58 Millionen Euro jährlich gefördert.

- Kosten: Länder und Kommunen geben pro Jahr rund 17 Milliarden Euro für die Eingliederungshilfe aus, Tendenz steigend. Die Reform führt nach Schätzungen des Bundesarbeitsministeriums zu zusätzlichen jährlichen Ausgaben von rund 800 Millionen Euro im Jahr. Die Mehrausgaben trägt der Bund.

Bettina Markmeyer  Quelle: epd-sozial Ausgabe 48/2017 - 02.12.2016