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Warum die moderne Heilkunst nicht alles darf, was sie vermag

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Das Gesundheitswesen braucht interdisziplinäre Ethikberatung.
Annegret Szimmat ist Case-Managerin der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung in Magdeburg und Umgebung und arbeitet seit 2014 als Ethikberaterin bei Pfeiffers.
Annegret Szimmat fällt einem nicht ins Wort, hört sich jeden Satz bis zum Punkt an. Man merkt, aufmerksames Zuhören ist Teil ihres Jobs. Annegret Szimmat ist Case-Managerin der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) für Magdeburg, Börde und Salzlandkreis. Seit 2004 arbeitet die 48-Jährige bei Pfeiffers. Seit 2014 auch als Ethikberaterin, wenn sie gerufen wird.

Warum braucht man Ethikberatung? Was kann, was soll sie leisten?

„Es geht darum, Therapiezielfindungen in komplexen Vorgängen zu begleiten, wenn ethische Begründungen und Normen entscheidende Argumente darstellen können.“ Damit befinde man sich aber in einem extrem interdisziplinären Feld mit Ärzten, Pflegern, Angehörigen von Patienten, Seelsorgern und Sozialarbeitern, mitunter auch Juristen und Pflegeheimvertretern. Zahlreiche Kompetenzen müssten gebündelt werden, um sehr problematische Fälle zu lösen. Dazu seien Fertigkeiten wie Moderation, Kommunikation und Beratung erforderlich.

Alle Beteiligten müssen mit der Entscheidung weiterleben. „Hier kann die Ethikberatung helfen, so dass jeder später sagen kann: Wir haben alles besprochen, wir haben nichts voreilig entschieden. Das kann für einen inneren Seelenfrieden im Rückblick auf eine extrem belastende Situation sorgen.”
Schon längst gibt es kein eindeutiges Falsch und Richtig mehr in der Gesundheitsfürsorge. Vielen Behandlungen gehen Verhandlungen voraus. Was dem einen als unsinnige Leidensverlängerung erscheint, begründet für den anderen die letzte Hoffnung. Während manche schon ein Leben im Rollstuhl als menschenunwürdig erachten, betrachten andere selbst jeden Tag im Wachkoma als Geschenk Gottes. Immer hat der eigene Standpunkt damit zu tun, wo man herkommt: mit persönlichen Glaubenssätzen, eigenen Erfahrungen.

Immer wieder stellt sich die heikle Frage, ob die moderne Heilkunst alles darf, was sie kann. Ob Ärzte, Pflegepersonal und Angehörige das wollen. Selten geben alle Betroffenen die gleiche Antwort.
Annegret Szimmat ließ sich 2014 zur Ethikberaterin ausbilden. Ethikberater aber helfen nicht beim Aufsetzen einer Patientenverfügung. Und urteilen nicht über die medizinische Qualität einer Behandlung. Die wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Nein, Ratsuchende erhalten Hilfe in einer Konfliktsituation, wenn Werte oder moralische Überzeugungen berührt werden, es da Unsicherheiten gibt.

Ein Beispiel: Ein 52-Jähriger wird nach einem Herzinfarkt 2014 wiederbelebt, doch er fällt in ein Wachkoma. Es gibt Komplikationen, der Zustand des Patienten verschlechtert sich. Die Lebensgefährtin des Patienten, nun auch seine Betreuerin, erklärt, dass er nie so leben wollte. Deshalb solle das Therapieziel geändert werden: von der Intensiv- zur Palliativversorgung. Das heißt? Das natürliche Sterben zulassen, dies aber schmerz- und symptomlindern zu begleiten. Über die weiteren Maßnahmen verständigte man sich dann in einer ethischen Fallbesprechung. Im Sinne des Patienten und seines mutmaßlichen Willens.

Wenn Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung vorliegen, kommt nicht selten die Frage von Angehörigen: „Reicht das? Ist das richtig so?“ Andere wiederum haben erst gar keine Vorsorgevollmacht. Begründung: Lange verheiratet, da kann ich alles entscheiden. 

„Patientenverfügungen etwa bedürfen sehr oft der Interpretation"

Ein fataler Irrtum. Ohne „Vertretungsmacht“ darf niemand für einen anderen Menschen Entscheidungen treffen – egal, ob es um Gesundheit, Finanzen oder Wohnung geht. Das ergibt sich aus dem deutschen Grundgesetz. Nur Eltern dürfen für ihre minderjährigen Kinder entscheiden. Für alle anderen setzt ein Gericht bei Bedarf einen Betreuer ein.

Das Gremium der Ethikberatung ist eine Art Gegenwelt in unserer rasenden Zeit. Mit ihm leistet man sich ein Zentrum der Ruhe, der Nachdenklichkeit, der Gründlichkeit. Um ethisch handeln und urteilen zu können, sei es unabdingbar, alle Facetten eines Vorgangs zu kennen, sagt Annegret Szimmat. Und berichtet von Fällen, in denen es meist um Fragen an der Schwelle zwischen Leben und Tod geht.  
„Patientenverfügungen etwa bedürfen sehr oft der Interpretation. Auch dafür sind ethische Fallbesprechungen da”, sagt Annegret Szimmat. Was heißt es, wenn laut Verfügung der Patient „nicht an Schläuchen hängen” will? Meinte der Kranke es ernst, als er festgelegt hat, dass er „nicht reanimiert werden will”, selbst wenn eine Wiederbelebung ihm die Chance auf ein halbwegs normales Leben gibt?
Warum lassen sich solche Fragen nicht zwischen Ärzten, Patient und Angehörigen allein klären? Im Klinikalltag geschehe das ständig. Es sei der Normalfall. „Es gibt aber Situationen, da ist es für alle Beteiligten hilfreich und entlastend, wenn eine neutrale Person hinzukommt. Ein neutraler Moderator.”

Wer bestellt denn einen Ethikberater? „Patienten, Angehörige, Betreuende, Palliativkräfte, meist sind es Pflegende”, so Frau Szimmat.

Der Konflikt ist klassisch. Schwestern und Pfleger begleiten die Patienten über Tage, Wochen, Monate. Sie teilen das Leiden fast körperlich. Die Ärzte dagegen erleben die Kranken meist nur wenige Minuten am Tag, tragen dennoch die letzte Verantwortung. Entscheidend aber ist immer der Wille des Patienten.

Studien belegen: Regelmäßige Fallgespräche helfen nicht nur zu verhindern, dass ein Krankenhaus zu einem Reparaturbetrieb für kaputte Körper verkommt. Sie stärken auch den Zusammenhalt einer Station, können das Klima in einer Klinik verbessern. Ethikberatungen tragen auch dazu bei, dass sich die Mitarbeiter stärker mit ihrer Arbeit identifizieren. Das gilt besonders für das Pflegepersonal. Fühlen sich Schwestern alleingelassen mit ihren Gewissensnöten, sinkt die Qualität der Pflege.

Den Mut haben, bei den Betroffenen zu bleiben und sich gleichzeitig herauszunehmen, ist sehr oft eine Gratwanderung in der Palliativversorgung, über die die Mitarbeiter immer wieder reden müssen. Etwa in der Supervision, das ist vor allem ein Mittel zur Pflege der Person des Helfers. Eine Art Ventil, über das er emotionale Entlastung findet. Eine Form der Beratung, bei der das Handeln durch Reflexion begleitet wird.

Annegret Szimmat arbeitet in der SAPV. Sie wird Tag für Tag mit den Fragen nach dem Dasein und der Vergänglichkeit konfrontiert, wahrlich keine leichten Themen. Und seien wir mal ehrlich: Viele von uns mögen darüber nicht reden, verdrängen, so lange es geht.

Seit 2008, dem Start des Palliativnetzes im Versorgungsgebiet Magdeburg, Börde und Salzlandkreis, werden 400 bis 500 Patienten im Jahr begleitet. Sechs Palliativteams sowie 53 Kooperationspartner wie Palliativmediziner, Pflegedienste, ambulante Hospizdienste, Apotheker, Mitarbeiter von Sanitätshäusern, Psychologen und Ehrenamtliche kümmern sich um Schwerstkranke, die zu Hause sterben möchten. Palliativpflege ist Teamarbeit. Und die sensibilisiert auch für Ethikberatung, für das Moderieren ganz unterschiedlicher Interessenvertreter. Darüber hinaus bedarf es eines ethischen Grundwissens als Voraussetzung für eine Bewertung. Die moralische Intuition allein reicht dazu nicht aus.

Annegret Szimmat und ihre Kollegen von Pfeiffers haben ihre Ausbildung zu Ehtikberatern an der Akadamie füt Ethik in der Medizin in Recklinghausen erfolgreich absolviert. 2014 hat sich das ambulante Ethikberatungsnetz Sachsen-Anhalt gegründet: mit zehn Ethikberatern, allein sieben von Pfeiffers. Annegret Szimmat ist die leitende Case-Managerin, und Tabea Friedersdorf, Leiterin der Palliativpflege im Hospiz

Was macht ethisch medizinisches Handeln denn aus?

 

„Dem Willen des Patienten gerecht zu werden. Nach geltendem Recht und Gesetz in Deutschland”, sagt Annegret Szimmat. Gibt es da Gewissensbisse? „Ich für mich bin frei. Kann mich abgrenzen von meinen Vorstellungen. Akzeptiere, dass jemand etwas anderes will. Ich kann das gut aushalten. Noch mal: Es geht um den Willen des Patienten.”

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