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Das Kreuz mit dem Kreuz

Verspannungen, Hexenschuss, Bandscheibenvorfall: Die Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie bei Pfeiffers bietet ein fachübergreifendes Netzwerk für Kompetenzbündelung bei der Therapie von Erkrankungen der Wirbelsäule.

80 Prozent der Deutschen haben irgendwann mal in ihrem Leben Rückenschmerzen. Na, das kennen wir doch. Sitzen? Hilft nicht. Stehen? Noch schlimmer. Laufen? Staucht. Liegen? Nicht viel besser. Egal, was man macht, es tut weh. Bei vielen sogar dauerhaft - jeder Fünfte gibt 2013 an, chronische Rückenschmerzen zu haben. Dabei wird der Grundstein dafür vermutlich schon in der Kindheit und Jugend gelegt, so das Robert-Koch-Institut in Berlin. Schon unter den 14- bis 17-Jährigen hätten mehr als 40 Prozent mit diesen Beschwerden zu kämpfen.

Muskeln, Sehnen, Bänder, Nerven und die Wirbel selbst kommen als Ursachen in Frage. Rückenschmerzen können auftreten, wenn fernab des Knochenstabs und seiner Anhanggebilde innere Organe erkranken. Oder wenn die Seele brennt. Salopp formuliert: Rückenschmerzen können durch alles und nichts hervorgerufen sein.

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Die Pein kann sich als Hexenschuss - Lumbago ist die medizinische Bezeichnung - von einer Sekunde auf die andere einstellen oder sich über Wochen langsam als Hüftweh - Ischias genannt - einschleichen. Wer seine Hals-Brust- oder Lendenwirbelsäule nicht mehr schmerzfrei bewegen kann, wird mit dem Etikett HWS, BWS- oder LWS-Syndrom versehen. Im Prinzip steckt dahinter das gleiche Übel: Die schmerzleitenden Nerven des Rückenmarks geraten unter Druck.

Berüchtigt ist der Ischiasnerv, der längste und dickste Nerv des Körpers. Er entspringt mit jeweils drei Nervenwurzeln im unteren Teil der Wirbelsäule, im Lendenbereich. Zieht sich über Gesäß und Hüfte an jedem Bein herunter und teilt sich über dem Knie in zwei kleinere Nerven. Deren Äste reichen bis in die Füße. Der Ischiasnerv funktioniert wie ein Computerkabel, über das alle Nervenimpulse laufen.

Wenn er abrupt unter Druck gerät, ist ein Hexenschuss angesagt: Ein urplötzlicher, höllisch-stechender Schmerz, der über den Po bis in den großen Zeh ausstrahlen kann. Der Patient kann sich nicht mehr bewegen. Das kann nur Satans Werk sein, so die gängige Vorstellung im Mittelalter. Statt Hexen aber sind die Bandscheiben schuld, die eingeklemmten Nerven.

"Weil der Körper den Schmerz vermeiden will, reagiert er mit einem Krampf der Muskulatur an der Wirbelsäule. Die Folge ist eine schiefe oder nach vorn gebeugte Haltung, die weniger schmerzhaft ist", sagt Prof. Dr. Niels Follak, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie in den Pfeifferschen Stiftungen. Tatsächlich können verschiedene "Übeltäter" dafür verantwortlich sein: die Blockierung eines Wirbel- oder Kreuz-Darmbein-Gelenks, ausgeprägte Muskelverspannungen, Verschleiß von Wirbelgelenken oder ein Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich.

Wie kleine Kissen federn die 23 Bandscheiben Erschütterungen und Stauchungen ab. Knorpelartig, mit einer elastischen Substanz gefüllt, liegen sie als Puffer zwischen den Wirbeln. "Zum Problem werden sie, wenn sie einreißen, etwa durch längere Überlastungen. Teile rutschen in den Wirbelkanal, wo das Rückenmark liegt - ein Bandscheibenvorfall. Drückt die Bandscheibe das Rückenmark stark zusammen, belastet das einzelne Nerven, beim Betroffenen kann es zu Rückenschmerzen und Taubheitsgefühlen in Armen und Beinen kommen", so Prof. Follak.

Hippokrates - bedeutendster Arzt der Antike, dessen Eid die Ärzte noch heute schwören - trieb den Teufel gern mit dem Beelzebub aus. Klagte ein Patient über Kreuzschmerzen, streckte ihn Hippokrates in die Länge. Der Lendenlahme wurde mit den Beinen an einen Strick gebunden und über eine Rolle schwungvoll gezogen, Kopf nach unten, Füße in die Höhe.

Eine rabiat anmutende Methode, die nach zweieinhalb Jahrtausenden noch immer praktiziert wird. Die Ärzte nennen sie nunmehr "inverse vertikale Extension". Allerdings konkurriert die mechanische Streckung der Wirbelsäule mittlerweile mit erheblich mehr Therapien: Elektrostimulation, Magnetfeldbehandlung, Lasertherapie, Regionalanästhesie, autogenes Training, Biofeedback, Schwefelbad, Schmerzmassagen, Atemtherapie und krankengymnastische Anwendungen.

Dass der Mensch aufrecht geht und so Belastungen aushalten muss, dafür ist unsere Wirbelsäule eigentlich nicht gebaut. Beim Tier durch Vorder- und Hinterläufe abgefedert, ist sie beim Menschen speziell im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule durch kein weiteres tragendes Element unterstützt und dort besonders anfällig. Größere Abweichungen von der Schwerkraftlinie werden von Wirbeln und Bandscheiben nicht mehr ausreichend kompensiert.

Wer mit dem Auto zur Arbeit fährt, Tag für Tag acht Stunden sitzend im Büro verbringt und dann am Abend drei Stunden am Laptop surft, "überlastet die passiven Strukturen des Bewegungsapparates wie Bänder, Bandscheiben und Wirbelgelenke". Dem "Haltesystem" des Menschen fehlen zunehmend die notwendigen Trainingsreize wie Fußmärsche und körperliche Arbeit: Die Muskeln werden immer schwächer, ermüden rasch und können das wacklige System Wirbelsäule nicht mehr gerade halten.

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Gegen die Schwerkraft zu stehen und zu laufen ist ein ewiger Balanceakt und viel Arbeit für die Wirbelsäule. Aufrecht durchs Leben gehen - was heißt das?

Aufrecht bedeutet gerade, und in diesem Gerade ist auch eine Lebenshaltung enthalten: dass der Mensch seine Würde, seine Liebe und seine Kraft aufrecht hält. Weil Kreuz und Seele so eng zusammenhängen, geht der stolze Mensch unbewusst aufrecht, beugen Sorgen die Wirbelsäule, macht Angst geduckt.

Schmerz ist gewissermaßen mit Emotionen vernetzt. Die Psyche löst körperliche Prozesse aus. Wer schlecht drauf ist, den belasten Schmerzen stärker, als wenn er sich des Lebens freut. Wie es um die psychische Verfassung eines Patienten bestellt ist, kann man mit Fragebögen und in intensiven Gesprächen herausfinden. Ursache und Wirkung sind nicht immer eindeutig. Ein "unspezifischer Rückenschmerz" lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Wer jahrelang unter Rückenschmerzen leidet, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit groß, an einer Depression zu erkranken. Umgekehrt können auch psychosoziale Probleme Rückenschmerzen auslösen.

Da helfen dann keine Spritzen, erst recht keine Operation. Aber eine konservative Behandlung: Schmerzmittel in der akuten Phase, Physiotherapie zur Heilung. In der Schmerztherapie werden Strategien gelehrt, um aus dem Krankheitsverhalten heraus- und ins Leben hineinzukommen. Die Techniken setzen im Denken an: Wie findet man aus Gedankenspiralen heraus, die einen nur noch im Schmerz verhaften lassen?

Wir müssen den Dingen auf den Grund gehen. Müssen es immer 150 Prozent sein? Warum kann ich mich nie zurücknehmen? Daran kann man arbeiten. Was spricht denn dagegen, vom Schreibtisch mal aufzustehen und eine Dehnübung zu machen?

Apropos Ursachensuche: Es gibt in Deutschland eine Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz, die empfiehlt eine frühzeitige Diagnose durch ein interdisziplinäres Team aus Arzt, Psychotherapeut und Physio-
therapeut, um festzustellen, wie im individuellen Fall behandelt werden soll. Und zwar nach sechs Wochen bei Risikopatienten, also Patienten, die schon länger krank geschrieben oder psychisch belastet sind. Auch Rückenschmerzpatienten, deren Beschwerden trotz Therapie länger als drei Monate bestehen, sollten so untersucht werden.

Übrigens: Pfeiffers Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie ist mit mehr als 100 Betten die größte ihrer Art in Sachsen-Anhalt. Im Jahr werden etwa 3.200 Patienten stationär behandelt. So auch Nachwuchssportler des
1. FC Magdeburg.

Prof. Follak verweist auf das Kompetenzzentrum Wirbelsäule in Magdeburg. "Ziel ist die Bündelung von Wissen, Erfahrung und Qualifikation bei der Diagnostik und die Therapie von akuten und chronischen Erkrankungen der Wirbelsäule im ambulanten und stationären Bereich. Die enge Zusammenarbeit mit der Schmerztherapieabteilung
der Klinik für Anästhesiologie im selben Haus hat positive Synergieeffekte."

Im stationären Bereich könne die Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg mit allen nötigen konservativen und operativen Behandlungsmöglichkeiten aufwarten. Ambulante Patienten würden im Klinikum, dem Medizinischen Versorgungszentrum und der Rettungsstelle der Pfeifferschen Stiftungen sehr gut medizinisch versorgt. Das fachübergreifende Netzwerk der Abteilung für Physiotherapie des Therapiezentrums im Klinikum, der Reha Magdeburg, der Radiologischen Gemeinschaftspraxis Dres. Elayan/Ammari und der Neurologischen Gemeinschaftspraxis Dres. Deike/Treuheit funktioniere bestens.

Die gute Nachricht: In aller Regel stirbt man nicht an Rückenschmerzen. Und man kann etwas dagegen tun. Sport. Na klar, das wissen wir doch längst. Ja, warum finden wir immer wieder Gründe, die dagegen sprechen? Warum machen das dann nur so wenige von uns? Unser "innerer Schweinehund" jedenfalls ist kein guter Freund. Ein Vorschlag: Sobald dieser Beitrag gelesen ist, kurz aufstehen, den Körper ein bisschen dehnen, sich einfach bewegen  ... und dann in Pfeiffers Pulsschlag weiterlesen, bitte!

Orthopädie / Unfallchirurgie

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